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rECOtimber – Gitarren aus einheimischen Hölzern

Seit vielen Jahren gibt es Versuche von unterschiedlichen Gitarrenherstellern, Gitarren aus thermobehandelten Hölzern zu bauen. Bisher wurden jedoch meist ausschließlich thermobehandelte Gitarrendecken verbaut. Die Reinhardt GmbH hat nun im Rahmen eines Forschungsprojekts ein Verfahren entwickelt, das es ermöglicht, eine komplette Gitarre aus thermooptimiertem Holz zu bauen. Unterstützt wurde das Projekt durch das Bundes­wirtschafts­ministerium.

rECOtimber Logo„Also, während des Baus habe ich nicht so daran geglaubt, dass das funktioniert, ehrlich gesagt, und war dann wirklich von dem Ergebnis überrascht“, meint Andreas Dill. Ich treffe den Gitarrenbauer in seinem Laden mit Werkstatt in Weingarten am Bodensee. Er habe schon früher mal versucht, aus thermisch modifiziertem Holz Gitarren zu bauen, und da sei er letztlich immer am Biegen der Zargen gescheitert. Deshalb machte der Gitarrenbauer sich eigentlich keine großen Hoffnungen, als er sich mit den ersten modifizierten Holzmustern an den Bau eines Prototypen wagte – und dennoch hat es geklappt. Es ist tatsächlich eine der größten Herausforderung, vor denen das Projekt heute steht. Holz thermisch zu modifizieren, ist in gewisser Weise ein Eingriff in die Natur.

Das Holz wird in dem Verfahren mehrere Stunden einer Mindesthitze von 150° C ausgesetzt. Dabei setzen unterschiedliche chemische Umbauprozesse ein, die das Holz austrocknen und dadurch sehr spröde machen. Das große Geheimnis ist also, das genaue Verhältnis von Hitze und Dauer zu finden, um für jede Holzsorte den optimalen Modifikationsgrad zu erreichen. Durch die veränderte Zellstruktur nimmt das modifizierte Holz auch kaum noch Wasser auf. Zum Biegen der Zargen musste Andreas Dill das Holz daher förmlich in Wasser tränken. Heute sitzt er in seinem Atelier in Weingarten und bestaunt den ersten Prototypen. Von der anfänglichen Skepsis ist nicht mehr viel übrig. Im Gegenteil, Andreas Dill ist von dem wirklich guten klanglichen und optischen Ergebnis überrascht.

Innovation durch Wissenschaft

Dass das möglich wurde, liegt mit Sicherheit auch daran, dass sich zum ersten Mal die Wissenschaft an der Entwicklung eines solchen Verfahrens für den Gitarrenbau beteiligt. Das Holz, das Andreas Dill verbaut hat, stammt aus der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Dort hat ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Alexander Pfriem in den letzten drei Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts an einer wissenschaftlich erprobten Methode zur thermischen Modifikation von Tonholz gearbeitet. Es ging darum, mit wissenschaftlichen Methoden herauszufinden, wie unterschiedliche Holzsorten optimiert werden müssen, damit sie für den Gitarrenbau einsetzbar sind. „Das sind jetzt quasi die Rezepte, mit denen wir denken, ein recht gutes Ergebnis, ein optimiertes Ergebnis für die Verbesserung von Hölzern für den Musikinstrumentenbau gefunden zu haben“, erklärt Prof. Dr. Pfriem. Ziel ist es, das Ganze in ein geschlossenes System zu bringen, sodass Gitarrenbauer nach den Erkenntnissen der Forschungsarbeit ihr Holz selbst entsprechend modifizieren können.

rECOtimberGenau dafür ist die Wissenschaft wichtig. Bei aller theoretischen Sachlichkeit reduzieren wissen­schaftliche Fakten die Fehler­quoten drastisch. Gleichzeitig lassen sich Kriterien festlegen, die auf klaren Messwerte beruhen. Auf Grundlage zahlreicher Klanganalysen (Modalanalysen) haben die Wissenschaftler etwa das Schwingungsverhalten von nativem und modifiziertem Holz untersucht und festgestellt, dass sich mit dem richtigen Verfahren bei allen Holzvarianten für den Gitarrenbau relevante akustische Eigenschaften verbessern lassen. Ein Beispiel für eine solche Messgröße ist der Resonanzgütefaktor, der sich aus der elastischen Steifigkeit und der Dichte von Holz zusammensetzt. Eine hohe elastische Steifigkeit und eine niedrige Dichte bedeuten gute Resonanzeigenschaften für das Holz. Dem Team in Eberswalde ist es also gelungen, zu belegen, dass man einheimische Holzarten thermisch so modifizieren kann, dass sie für alle Bauteile einer Gitarre verwendet werden können – und das mit wissenschaftlichen Methoden und nach wissenschaftlichen Standards.

Zurück in den Süden der Republik. Den Anstoß für das Forschungsprojekt gab Gunther Reinhardt, der somit der Dritte im Bunde ist. Der Inhaber der Reinhardt GmbH in Tübingen beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Frage, wie weit man einheimische Holzsorten optimieren kann, um sie auch für den Gitarrenbau nutzen zu können. „Hölzer zu verwenden, die wir hier haben, und eine ähnliche Klangqualität zu erreichen, wie das im Moment mit Tropenhölzern erreicht wird, hat mich schon immer gereizt“, meint Gunther Reinhardt. Anlass dazu sei ein finnischer Wissenschaftler gewesen, der ihm mal erzählt habe, dass unter einem Elektronenmikroskop thermisch optimierte Hölzer aussähen wie das Holz einer Stradivari-Geige. „Und das war für mich so ein Kristallisationspunkt. Denn ein Holz zu haben, das Stradivari gefällt hätte, um Gitarren daraus zu bauen, das wäre sozusagen der Traum jedes Gitarrenbauers“, meint Gunther Reinhardt.

rECOtimber als Alternative zum Tropenholz

Hinzu kommt das Interesse für nachhaltige Themen. Das Verbauen von Tropenhölzern hat im Gitarrenbau lange Tradition. Das große Ziel ist demnach, unter Verwendung von einheimischen Hölzern klanglich an Gitarren aus Arten wie Mahagoni oder Palisander heranzukommen, sodass man zukünftig auf tropische Hölzer verzichten kann. Diese Methode steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Gitarrenbauer, die bislang thermisch modifizierte Hölzer verbauten, taten das fast nur mit Gitarrendecken, und auch das meist nur aus optischen Gründen. Dass eine ganze Gitarre daraus gebaut wird und dass diese dann auch noch klanglich allen Ansprüchen gerecht wird, kann als Pionierarbeit gewertet werden. Es ist klar, dass thermisch modifiziertes Tonholz das geliebte Tropenholz nicht vom Markt verdrängen wird. Dennoch zeigen die zunehmenden Handelsrestriktionen (CITES) von diversen Tropenhölzern, dass sich auch die Gitarrenindustrie früher oder später Gedanken über sinnvolle Alternativen machen muss. Mit rECOtimber leistet dieses Dreiergespann aus Wissenschaft, Handwerk und Großhandel einen guten und wichtigen Beitrag dazu.

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